Retrospektive auf die Sommerwoche

Aktualisiert: 12. Sept.

mit Imogen Dalmann und Martin Soder im Juni 2022


Der Mensch ist eine Einheit von Körper, Seele und Geist, die untrennbar miteinander verbunden sind und mit dem Umfeld der Person in Wechselwirkung stehen. Das wäre die treffendste Beschreibung der Sommerwoche im Juni 2022.


Diese Woche zeigte in unterschiedlichen Facetten, wie wir als Menschen stets in Verbindung, in Resonanz mit der Welt um uns und den Wirkungen in uns sind.

Sich einzubringen, mit zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen setzt einen geschützten Raum voraus. Dieser Raum wurde von allen Anwesenden gestaltet und gehalten. Das zu ermöglichen, war mir in der Rolle der Seminarleiterin ein grosses Anliegen.


Das malerischen Tessiner Dorf Moghegno, das liebe- und geschmackvoll eingerichtete grosse Patrizierhaus im alten Dorfkern, zeigte sich als passende Umgebung für die Gestaltung dieses Resonanzraumes.

Ein wichtiger Begegnungsort war die grosse, modern eingerichtete Küche mit den ausladenden Kinoklappstühlen an der Wand, bezogen mit rotem Samtstoff.

Neben Gerüchen erinnere ich mich auch an Szenenbilder als weitere Eigenheit. Ein deutliches Szenenbild zu dieser Küche habe ich, das für mich stellvertretend für viele Szenen auch an anderen Orten steht und ich aus der Erinnerung folgendermassen beschreibe:


Schnippselnde, rüstende, rührende Frauen um die grosse Kochinsel, lachend und schwatzend verbunden mit den Frauen in ihren Samtstühlen an der Wand eingesunken, ohne am Kochen beteiligt zu sein auf ihre Art sehr aktiv am Geschehen mitwirkend. Über ihnen, oben aus der Wand ragend, ein schwarzweisser Kuhkopf, aus Plastik wohlgemerkt, der sich irgendwie verloren die Szene anschaut.


Die Mahlzeiten zusammen vor- und zubereiten war ein Konzeptteil dieser Woche. Die Essenszeiten waren gesetzt, alles andere entwickelte sich jeweils am langen Morgentisch. Einige Frauen kochten gerne, andere wollten lieber einkaufen, andere waren froh nicht kochen zu müssen. Sie sahen ihr Rolle als brilliante Unterhalterin auf dem Kinoklappstuhl und als Aufräumerin von dem, was nach dem Essen noch übrig war, wie Schmutzgeschirr und Essensresten. Die Rollen änderten sich jeden Tag.


Die Phasen von Zusammen- und Alleinsein spielten sich ein. Oft war jemand da für einen Schwatz oder um ein Thema zu vertiefen. Unzählige Möglichkeiten im und ums Haus luden ein sich zurückzuziehen. Die vorhandenen, stets neu entstehenden Bedürfnisse formten die Zusammensetzung der Gruppen. Das wilde, malerische Maggiatal lud geradezu ein entdeckt zu werden. So wanderten die einen zu abgelegenen Wasserbecken, stiegen stundenlang die steilen Hänge hinauf, andere lagen auf den grossen Maggiasteinen im Fluss oder ruhten sich in den Liegestühlen auf der Terrasse im oberen Stock des Hauses aus.



Neben dem Morgen- und Abendessen waren die morgendlichen Yogalektionen und die Inputs am späteren Nachmittag weitere Fixpunkte, die eine Struktur vorgaben. Alles andere war der Selbstorganisation überlassen.

Imogen Dalmann und Martin Soder waren mit uns in der Sommerwoche. Imogen und ich führten durch die Morgenyogapraxen. Es gelang uns auch für die langjährigen Viniyogalehrerinnen doch einige Neuigkeiten anzubieten. Die Abende gehörten den Inputs zu verschiedenen Themen. Auf ein Thema, das Martin und Imogen moderierten, möchte ich hier näher eingehen.



Auf welche Quellen stützen wir uns heute in der Yogatherapie ab

Imogen und Martin erläuterten die starke Prägung unseres Yogaverständnisses, durch T.Krishnamacharya (Tirumalai Krishnamacharya; geb. am 18. November 1888 und gestorben am 28. Februar 1989. Er war ein Indischer Yoga-Lehrer, Ayurveda-Heiler und Gelehrter und wird häufig als «Vater des modernen Yoga» bezeichnet. T.Krishnamacharya hat die Philosophie des Yoga Sutra auf eine ganz eigene Art und Weise, eher traditionell, interpretiert und die Inhalte mit denjenigen des Hatha Yoga in Verbindung gebracht. Er stellte eine zentrale Idee aus dem Yoga Sutra in den Mittelpunkt, das Sutra 2.16:


«Wir sollten zukünftiges Leid im Voraus erkennen und vermeiden»

Quelle: T.K.V. Desikachar, Über Freiheit und Meditation. Das Yoga-Sutrā des Pataňjali, Verlag Via Nova


Desikachar, der Sohn von T.Krishnamacharya wiederum hat die Sutren auf den Alltag hin neu interpretiert. Seine Interpretation zum YS 2.16 ist folgende:


«Es muss alles getan werden, was uns dabei hilft, Enge und Leid zu verringern oder ihr Entstehen vorauszusehen. Patanjali stellt die Ursache dar, die für das Aufkommen von Unzufriedenheit und Bedrängnis verantwortlich sind, und er sagt, was wir tun können, um unsere Fähigkeit zu verbessern, solche Entwicklungen vorauszusehen, zu verhindern, abzuschwächen oder sie zu akzeptieren. In Kürze lässt sich sagen, dass der Sinn unserer Yogapraxis darin besteht, leidvolle Erfahrungen zu vermindern, indem wir mehr Klarheit gewinnen. In der Sprache des Yoga bedeutet das zu lernen, die klesha, die im dritten Sutra dieses Kapitels aufgeführt werden, in ihrem Wirken zu bemerken und in Schach zu halten.»



Imogen und Martin reisten viele Jahre nach Chennay. Sie wurden erst von T.Krishnamacharya unterrichtet und später über Jahre von dessen Sohn, T.Desikachar. Auch sie haben die Yogatherapie weiterentwickelt und an unsere humanistischen Werte angepasst. Ihnen ist es wichtig, die Yogatherapie in ihrer Anwendung mit den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verbinden.

Jetzt als ich diesen kleinen Text schreibe, kommen mir die gelben Notizzettel aus dem Vortrag in die Hände. Auf was für Quellen stützen wir uns ab? Was gibt uns Orientierung? Diese Fragen habe ich mit grossen Buchstaben notiert. Und mit kleiner Schrift viele Anmerkungen gemacht. Die möchte ich nun ergänzend hier einfügen. Sie stammen aus der nach dem Input folgenden Diskussion und persönlichen Gedanken.

  • Wir übernehmen keine unreflektierten Annahmen und geben diese als Wahrheit aus.

  • Wir stützen uns auf aktuell geltende Erkenntnisse aus den Wissenschaften und unseren ausgetauschten Erfahrungen, evidenzbasiert.

  • Wir stellen den Menschen mit seinen Anliegen, Möglichkeiten und Bedürfnissen in den Mittelpunkt und arbeiten prozessorientiert.

  • Wir entwickeln den Viniyoga weiter, überprüfen seine Wirkungen und Aussagen und passen, wo sinnvoll, unsere Aussagen und Vorgehen an.


Die drei übergeordneten Ziele der Komplementärtherapie geben uns Therapeutinnen, neben den persönlich formulierten Veränderungswünschen der Klienten, eine Orientierung. Was und wie, werden die Selbstwahrnehmung, die Selbstregulation und die Genesungskompetenz durch die Therapie gestärkt?


Wir orientieren uns bei der Anwendung von Yogaübungen in der Therapie an den Grundprinzipien nach Dalmann und Soder, die da sind:

  • Gestaltung entlang der individuellen Möglichkeiten

  • Orientierung entlang konkreter Wirkung und individueller Erfahrung

  • Einheit von Körper, Atem und Geist

  • Bewegung ist meist wirksamer als Statik

  • Intelligenter Praxisaufbau

  • Einfachheit der Übungen und Variantenreichtum

  • Schmerzfreiheit im Üben

  • Keine Leistungsorientierung, Qualität und Funktion steht vor der Form

  • Selbständigkeit und Eigenkompetenz

  • Kontinuität im Üben

Quelle: Dalmann und Soder, Heilkunst Yoga, Yogatherapie heute, Seite 95, viveka Verlag, 2 Auflage 2016


Auch wir möchten zukünftiges Leid verhindern, doch wir suchen unsere Orientierung nicht in den alten Quellen des Samkhya oder alleinig im Modell der kleshas. Als Komplementärtherapeutinnen orientieren wir uns am Berufsbild und an den Grundlagen der KomplementärTherapie und berufsethischen Grundsätze der OdA KT, von denen ich beispielhaft und passend zum YS 2.16 eine Auswahl hier erwähne.



Schadensvermeidung

  • «Sie vermeiden Handlungen, welche den Klientinnen und Klienten körperlich oder seelisch Schaden zufügen könnten.

  • Sie empfehlen Klientinnen und Klienten, sich in ärztliche Behandlung zu begeben oder sich an andere Fachkräfte zu wenden, wo dies angezeigt ist.»


Berufliche Kompetenzen und Grenzen

  • «Sie handeln sorgfältig, wirksam und wirtschaftlich gemäss den beruflichen Standards und wenden nur Behandlungsformen an, für welche sie die entsprechenden Kompetenzen erworben haben.

  • Sie reflektieren ihre Tätigkeit und nehmen Intervision und Supervision in Anspruch.

  • Sie entwickeln die Qualität ihrer Arbeit kontinuierlich weiter und bilden sich beruflich fort.

  • Sie dokumentieren ihre Arbeitstätigkeit gemäss den beruflichen Standards.

  • Sie respektieren ihre eigenen fachlichen und personellen Grenzen und Ressourcen, stellen keine medizinischen Diagnosen, arbeiten nicht hautverletzend und geben keine Heilmittel ab.»

In dieser Sommerwoche ist es uns gelungen, Resonanz zu erfahren und eine Verbindung untereinander und mit der Welt um uns herzustellen.


Wir unterstützten uns gegenseitig, indem wir offene Fragen und unterschiedliche Haltungen respektvoll diskutierten. Jede wurde in ihrer Persönlichkeit angenommen und unsere Unterschiede als Ressourcen erkannt. Eine solche Umgebung kann auch als Experimentierfeld genutzt werden, um Selbstwahrnehmungen zu machen und neue Haltungen auszuprobieren, im Wissen die Zugehörigkeit bleibt und wird nicht in Frage gestellt.


Es gelang uns eine Umgebung zu kreieren, in der jede Einzelne Verantwortung für sich und den gemeinsamen Prozess übernehmen konnte. Wir entwickelten ein Vertrauen, das ermöglichte Fragen zu stellen, Themen anzusprechen, uns auf Augenhöhe und mit Offenheit zu begegnen.

Es war eine intensive Woche mit vielen unterschiedlichen Begegnungen, mit viel Lachen und Kochen, Bewegen und Baden, Meditieren und Atmen und dem Gefühl aufgehoben zu sein.


Zwei nächste Sommerwochen 2023 sind bereits in der Planungsphase. Sobald der Ort und die Termine stehen, werden sie als exklusive Angebote über den Newsletter an alle Vereinsmitglieder gesendet.


AutorIn: Susan Kieser Jäggi

Fotos: Susan Kieser Jäggi





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